Frauen an die Bühnen!

Opernloft Montag, 8. März 2021 von Opernloft

Zum heutigen Weltfrauentag erzählen sechs Opernloft-Frauen von ihren Erfahrungen und Erwartungen an Deutsche Bühnen

Warum gibt es den internationalen Frauentag eigentlich? Ursprünglich gingen vor genau 110 Jahren Frauen auf die Straßen, um ihr Wahlrecht einzufordern. Ganze neun Jahre später durften Frauen dann in Deutschland erstmals auf nationaler Ebene wählen. Aber warum brauchen wir den Frauentag 2021, auch und gerade am Theater und der Kulturlandschaft, immer noch? Weil 70% aller Inszenierungen von Männern inszeniert werden. Weil 78% der Theater von Männern geleitet werden. Um nur zwei Beispiele zu nennen.

Heute sammeln und vernetzen sich Frauen weltweit und stellen klare Forderungen: Frauen sollen nicht mehr aufgrund ihres Geschlechts anders beurteilt, bezahlt, behandelt oder gesehen werden. Gerade jetzt, während der Corona-Pandemie, fällt unsere Gesellschaft immer mehr in alte Muster zurück. Besonders Frauen müssen derzeit ihre Arbeitszeit für viel Haus- und Care-Arbeit wie etwa der Kinderbetreuung während Kita- und Schulschließungen, reduzieren und sich mit Einkommenseinbußen arrangieren.

Heute werden daher alle Menschen laut, um sich gegen Patriarchat, Sexismus und verkrustete Strukturen du wenden, damit es die restlichen 364 Tage nachhallt!

Das Opernloft sieht sich als öffentlicher Raum in der Verantwortung, Frauen, aber auch andere unterrepräsentierte Gesellschaftsgruppen wie BPOC (Black People und People of Color) oder trans Menschen, in ihrer künstlerischen Arbeit zu fördern und zu unterstützen. Deshalb sprechen heute talentierte und engagierte Frauen aus verschiedenen Teilen unseres Betriebs über das Thema “Wie ist das so, als Frau am Theater?” - ohne falsche Scheu oder Bescheidenheit.

Hannah Schlags - Kollektiv Schlagobers

Was würdest du deinem jüngeren Ich sagen/raten?

Mutiger zu sein und auf mein eigenes Können, Wissen und Talent zu vertrauen! Wir Frauen haben oft das Gefühl, alles absolut perfekt machen zu müssen, bevor wir selbst stolz auf uns und unsere Leistungen sein können. Im Rückblick sehen wir dann, dass wir eigentlich schon ziemlich toll und erfolgreich waren, es sich aber damals einfach nicht so angefühlt hat.

Was wünschst du dir für die deutsche Theater- und Kulturlandschaft?

Ich wünsche mir, dass Theater auf und hinter der Bühne tatsächlich ein Spiegel unserer Gesellschaft wird. Und das heißt, dass in allen Positionen und auf allen Ebenen viele verschiedenen Menschen arbeiten und entscheiden sollten. Unsere Theaterlandschaft ist, vor allem in Führungspositionen, zu weiß und zu männlich. Wir müssen aktiv Platz schaffen für schwarze Menschen und People of Color, für nicht-binäre Menschen, Menschen mit Behinderung und arme Menschen. So wichtig eine Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist, so wichtig ist es, nicht hier aufzuhören!

Warum ist es so wichtig Frauen im Theater und in der Kultur zu fördern?

Im Theater, besonders in der Oper, erzählen wir nach wie vor immer noch sehr oft die Perspektiven von weißen Männern - einfach, weil wir quasi nur Stücke von diesen spielen und es kaum andere Werke gibt! Umso wichtiger ist es dann, in der Umsetzung andere Perspektiven mit einzubringen. Das machen wir im Opernloft schon ganz gut. Aber auch hinter der Bühne sind die meisten Theater in den Entscheider-Positionen weiß und männlich besetzt, was wiederum dazu führt, dass sich hier die Perspektiven nur sehr, sehr langsam verschieben. Ich bin mir sicher, dass mit mehr Frauen in Leitungspositionen die Spielpläne und Besetzungen schon ganz anders aussehen würden!

Hannah Schlags, Dramaturgin

Was hat dich dazu ermutigt mit Theater anzufangen - und bis heute weiterzumachen?

Ermutigt hat mich dazu meine Begabung. Ich möchte und kann besondere Geschichten erzählen, die die Menschen berühren. Die schöpferische Kraft am Theater fasziniert mich. Andererseits gibt es an den großen Theatern häufig sehr verkrustete Hierarchien. Reinzukommen ist die Challenge und da ist leider immer noch Vitamin B wichtiger als Talent.

Welche Schwierigkeiten sind dir als Frau am Theater in deinem Berufsleben begegnet?

Theater ist generell schwierig aber als Frau noch sehr viel mehr. Das sieht man an den aktuellen Zahlen, wie viele Männer führen Regie und wie viele Frauen? 70% aller Inszenierungen werden von Regisseuren inszeniert, nur 30% von Regisseurinnen. Das liegt nicht an mangelnder Qualität, denn auf die Studienplätze bewerben sich deutlich mehr Frauen. Den Frauen gibt man dann aber die RegieASSISTENZEN oder man lässt sie die Kinderstücke inszenieren. Das ärgert mich maßlos!

Was wünschst du dir für die deutsche Theater- und Kulturlandschaft?

Wirkliche Gleichberechtigung 50/50 in allen Jobs am Theater. Bis das erreicht ist brauchen wir wahrscheinlich eine Quote, da uns die Knaben nicht freiwillig an die Quelle lassen und sich da auch sehr einig sind. Eigentlich möchte ich verbieten lassen, auch nur eine einzige freie Intendanz männlich besetzen zu dürfen bis nicht 50% der Künstlerischen Leitungen weiblich sind.

Warum ist es so wichtig Frauen im Theater und in der Kultur zu fördern?

Wenn wir das nicht machen verschwenden wir Begabungen! Stellen Sie sich vor, Sie sind gezwungen schlechteres Theater zu schauen als nötig! Das ist doch für uns alle blöd!
Eine kleine Geschichte aus dem Nähkästchen: Wir bekommen mehr Bewerbungen von Frauen als von Männern. Leider kann ich nicht allen eine Chance bieten, dafür ist mein Theater zu klein und das Jahr zu kurz.

Vielleicht könnten wir dafür in Zukunft irgendwie Spenden sammeln um Frauen zu fördern. Ich habe das Gefühl, wenn wir das nicht selber machen, dann macht es wieder keiner.

Inken Rahardt, Intendantin

Was würdest du dann in jüngeren ich sagen raten?

Das Ziel ganz klar vor Augen zu haben und es mit Freude und intensiver Arbeit zu verfolgen! Denn nicht das Beginnen wird belohnt sondern einzig und allein das Durchhalten und dran bleiben!

Welche Schwierigkeiten sind dir als Frau am Theater in deinem Berufsleben begegnet?

Generell ist es für eine Frau schwieriger sich als Sängerin durchzusetzen, da es doch deutlich mehr Frauen gibt, die diesen Beruf ergreifen wollen. Die Konkurrenz ist also viel größer! Bei den Rollen ist es dann aber so, dass es nicht mehr Partien für Frauen gibt. Das führt dazu, dass Männer schneller zu Vorsingen eingeladen und mehr umworben werden, als Frauen. Auch dadurch entsteht Ungleichbehandlung von Männern und Frauen am Theater!

Was wünscht du dir für die Deutsche Theater und Kulturlandschaft?

Tatsächlich ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen, besonders in den Führungsposition der Deutschen Theater! Leider sind die meisten Positionen immer noch von Männern besetzt, und gerade in Führungsposition ist das Verhältnis sehr unausgeglichen.

Yvonne Bernbom, Geschäftsführerin

Was hat dich dazu ermutigt mit Theater anzufangen - und bis heute weiterzumachen?

Ich wollte, seit ich denken kann, Theater machen. Das ist mein Ort in der Welt. Für mich macht Theater die Wirklichkeit erlebbar und auch ertragbar. Ich mag die Teamarbeit am Theater, dass viele unterschiedliche Ideen zusammenkommen und am Ende zu einem großen Ganzen verschmelzen. Da ich von Natur aus introvertiert bin, ist Theater für mich ein tolles Medium, mit anderen Menschen, letztlich auch dem Publikum, in Kontakt zu treten.

Welche Schwierigkeiten sind dir als Frau am Theater in deinem Berufsleben begegnet?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Theater eine von Männer dominierte Welt ist - in früheren Jahren noch viel mehr als heute. Was der Intendant oder der Regisseur sagt, das gilt. Theater ist ein Patriarchat. Und das dauert schon so lange an, weil es unter dem Deckmantel der Kunst schön weiter reifen konnte. Wenn ein Regisseur eine Schauspielerin erniedrigt, dann ist er zwar kein netter Mensch, aber immer noch ein “großer Künstler”. Das muss aufhören!

Was würdest du anderen Frauen raten im Theater-Business?

Ihr Ding machen! Und gleichzeitig für das eigene Projekt Verbündete suchen. Das klingt wie Kriegsführung - aber ein bisschen ist es das ja auch. Frauen arbeiten jetzt seit Jahrzehnten “nach Gefühl” daran, im Theater in Führungspositionen zu kommen. Ich bin der Meinung, es ist höchste Zeit für Taktik.

Wie/Wo können wir andere Frauen im Theater-Beruf stärken und unterstützen?

Frauen müssen Frauen bevorzugen. Männer bevorzugen Männer ja auch ganz selbstverständlich. Wenn jede etablierte Frau eine aufstrebende Frau aktiv fördert, dann erreichen wir viel. Wenn ich die Wahl habe, einen Regisseur oder eine Regisseurin zu engagieren, nehme ich die Regisseurin. Damit höre ich erst auf, wenn das Verhältnis von Frauen und Männer im Regieberuf 50 zu 50 ist.

Warum ist es so wichtig Frauen im Theater und in der Kultur zu fördern?

Von “alleine” wird das nichts. Ich bin daher eine große Befürworterin der “Quote”. Ich bin der Meinung, dass wir, auch politisch, regulierend eingreifen müssen, um Frauen am Theater in Machtpositionen zu bringen. Nur wenn Frauen auch Einfluss auf die Theaterarbeit nehmen können, indem sie etwa als Intendantinnen über Spielpläne und Besetzungen entscheiden, wird das Theater Spiegelbild einer Gesellschaft sein, in der auch Frauen leben (wollen).

Susann Oberacker, Künstlerische Betriebsdirektorin

Welche Schwierigkeiten sind dir als Frau am Theater in deinem Berufsleben begegnet?

Als ich in meinen Wunschberuf einsteigen wollte, waren viele Unternehmen schlicht nicht auf Frauen in “ihrer Branche” vorbereitet. Eine Firma, der ich eine Bewerbung auf einen Tischlerei-Ausbildungsplatz schickte, reagierte sogar mit den Worten: „Leider können wir Sie nicht einstellen, denn wir haben nur Männer-Toiletten.“
Inzwischen fühle ich mich in meinem Bereich weitestgehend respektiert. Zwar arbeite ich heute auch in dem wohl frauenfreundlichsten Theater Hamburgs, aber auch mit Fremdfirmen habe ich keine Probleme mehr. Mein Selbstvertrauen, ja. Das macht mir noch oft Probleme. Und je größer das Selbstvertrauen ist, desto besser kann man es schaffen, möglicherweise diskriminierenden Kommentaren etwas entgegenzusetzen.

Warum ist es so wichtig Frauen im Theater und in der Kultur zu fördern?

Trotz meiner positiven Erfahrungen ist es wichtig, Diskriminierung in technischen Berufen abzubauen. Viele Frauen verdienen immer noch weniger als ihre männlichen Kollegen oder werden nicht ernstgenommen. Ich hatte viel Glück, aber natürlich ist das in jedem Theater anders. Es ist wichtig, aufmerksam darauf zu machen, wenn man z. B. weniger verdient oder das Gefühl hat, von männlichen Kollegen nicht ernst genommen zu werden. Ich für meinen Teil bin da vielleicht nicht besonders gut drin, war ich doch eher immer die, die einfach „aushält“ bzw. alles auf sich bezieht. Aber mittlerweile weiß ich, was ich kann, und dass es unabhängig davon ist, welches Geschlecht ich habe. Und ich versuche darauf zu achten, niemandem wegen irgendwelcher Vorurteile zu schaden. Denn das möchte ich ja auch nicht. Ich bin auf meinem Weg in den Job einigen Vorurteilen begegnet, habe auch selbst Diskriminierungserfahrungen gemacht, und möchte das anderen nicht aufbürden.

Wie können wir andere Frauen im Theater-Beruf stärken und unterstützen?

In meinem Ausbildungsbetrieb, auch einem Theater, gab es ganze drei Frauen in der Technik: die technische Leitung, eine Aushilfe und dann schließlich mich. Wir hielten zusammen, und ich hielt mich erstmal an die beiden. In einer Männerdomäne zu arbeiten, lässt einen mit der Zeit etwas abstumpfen. Da ist es umso wichtiger, sich gegenseitig zu unterstützen und einander ein Vorbild zu sein! Und mittlerweile machen auch mehr Frauen diese Ausbildung.
Als ich nach meiner Ausbildung eines Tages feststellte, dass ich weniger verdiente als mein Kollege, der die gleiche Arbeit machte, habe ich mich gefragt, warum das so ist. Ich hab keinen sinnvollen Grund gefunden. Also habe ich all meinen Mut zusammengenommen und bin zu meinem Chef gegangen. Ich sagte ihm, dass ich die selbe Arbeit mache wie mein Kollege und dann auch gefälligst dasselbe verdienen möchte. Und das wurde angenommen! Wenn alle Frauen an ihrem Arbeitsplatz Gleichberechtigung einfordern, haben Arbeitgeber immer weniger Spielraum für Diskriminierung.

Anna Vorbach, Veranstaltungstechnikerin

Was hat dich dazu ermutigt mit Theater anzufangen - und bis heute weiterzumachen?

Vielleicht, ironischerweise, sind Männer der Grund, warum ich angefangen habe, in Theatern zu spielen. Ich, eine sehr lesbische Frau, wurde von drei verschiedenen Dirigenten hypnotisiert, die mich unter ihre Fittiche nahmen, mir das Gefühl gaben, unglaublich speziell zu sein, und die waren einfach so unglaublich leidenschaftlich. Ich habe mich sehr in den Zauber verliebt. Von ihnen. Von der Oper. Vom Theater. Die Gemeinschaft davon.
Jetzt, da ich Oper und Theater auf eigene Faust erkunden kann, stelle ich fest, dass ich viele Unterschiede zum Denken meines Ex-Mentors habe. Und das ist ein großer Teil des Erwachsenwerdens eines Musikers. Selbst das Sagen zu haben und uns auszudrücken, anstatt die Interpretation anderer Menschen.

Was würdest du deinem jüngeren Ich sagen?

Ich würde mir sagen, dass ich übermütiger sein soll! Ich bin von Natur aus ein frecher Mensch, aber ich habe diese Seite von mir sehr versteckt, aus Angst, als "zu groß für meine Stiefel" angesehen zu werden. Ich hatte lange das Gefühl, dass ich, weil ich nicht alles weiß, im Wesentlichen nichts weiß. Aber ich weiß ziemlich viel! Und ich lerne immer noch. Das heißt aber nicht, dass ich mich klein machen und allem zustimmen muss. Daran arbeite ich heute immer noch!

Was würdest du anderen Frauen raten im Theater-Business?

Achtet darauf, wo und wann ihr euch zurückzieht und findet heraus, warum. Wann klingeln eure “Unzulänglichkeitsalarme”? Wann fühlt ihr euch unsicher? Findet in diesen Momenten Wege, um durchsetzungsfähig, offen, ehrlich und liebevoll zu sein (besonders zu euch selbst). Die meisten Frauen, die ich kenne, haben die schlechte Angewohnheit geerbt, sich angesichts von Konfrontation zurückzunehmen. Wir haben etwa unseren Müttern dabei zugesehen und sie kopiert. Aber wir können lernen, unsere eigene Kraft zu finden, wenn wir darüber nachdenken, woher wir diese schlechten Angewohnheiten haben.

Seid selbstbewusst und verwirklicht euch selbst! Steht für euch selbst auf. Habt keinen Groll. Seid ehrlich, liebevoll und großartig!

Welche Schwierigkeiten sind dir als Frau am Theater in deinem Berufsleben begegnet?

Ich habe mich eine zeitlang intensiv auf Probedirigate, also so etwas wie Vorsingen oder Vorspiele für Dirigent*innen, vorbereitet. Aber ich konnte einfach keine DirigatlehrerIN finden. Also hatte ich täglich Unterricht bei einem männlichen Dirigenten. Er ermutigte mich, meinen eigenen Dirigierstil zu finden, gab jedoch zu, dass auch er das Gefühl hatte, dass weibliche Dirigentinnen in ihrer Bewegung und Führung oft schwach wirkten. Er wollte, dass ich mich wie ein Mann bewege, weil er glaubte, dass das effektiver sein würde. Aber ich werde natürlich immer nur eine schlechte Kopie eines Mannes sein. Dabei kann ich eine ziemlich mächtige und einzigartige Version von mir sein! Ich krümme mich immer noch vor Wut, wenn ich daran denke. Wir sind es so gewohnt, dass Dirigenten Männer sind. Und es gibt so viele Beispiele von Männern mit Männerkörpern, die große Orchester dirigieren. Und nur sehr, sehr wenige Frauen. Aus diesem Grund scheint es seltsam und anders zu sein und daher irgendwie weniger gut, wenn eine Frau ein Orchester leitet.

Hier ist eine Lücke, in die Frauen hineinwachsen müssen. Erst wenn diese Lücke gefüllt ist und wir mehr Beispiele für weibliches Dirigieren haben, können wir professionell darüber diskutieren, was effektiver ist. Im Moment ist die Welt der Dirigent*innen immer noch sehr sexistisch. It’s an uphill battle - ein schwerer Kampf der gekämpft werden muss!

Amy Brinkman-Davis, Musikalische Leiterin

Diese Website benutzt Cookies, um Ihnen das beste Erlebnis zu ermöglichen. Weiterführende Informationen erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.